Leben mit den Inuit in Grönland

Als ich aus der Antarktis zurückgekehrt bin, war ich erstaunt darüber, was ich dort alles erfahren habe. Mich hat immer mehr interessiert, ob es auch in der Arktis solche Veränderungen und Probleme gibt und welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten es zwischen den beiden polaren Gebieten gibt. Ich habe begonnen zu recherchieren, Bücher zu lesen und mit Forschern und Einwohnern von Grönland zu sprechen. Schnell wurde mir bewusst, dass in der Arktis ein ganz neuer Faktor hinzukommt: Die Ureinwohner der Arktis, die Inuit. Diese Menschen leben schon seit Jahrhunderten dort und sind von den Veränderungen in der Arktis genauso betroffen wie der häufig als Symbol für die Arktis verwendete Eisbär. Nach langen Recherchen und Planungsarbeiten habe ich beschlossen, diesen Sommer nach Grönland zu reisen und vor Ort zu erfahren, wie es den Inuit und ihrer Umwelt wirklich geht. In meinem Blog möchte ich euch von meinen Erfahrungen berichten.

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Mit dem Flieger bin ich via Reykjavik nach Kulusuk, an die Küste Ostgrönlands geflogen und von dort nach Tasiilaq, die mit gut 1800 Einwohnern derzeit grösste „Stadt“ Ostgrönlands. Die Inuit in Ostgrönland leben im Gegensatz zu denen in Westgrönland ursprünglicher und sind (noch) weniger europäisch geprägt. In Tasiilaq gibt es zwar Supermärkte, in denen die Einwohner alles Lebensnötige kaufen können, aber es gibt kein Kino, keine Shoppingcenter und keine Restaurants, wie wir sie von zu Hause kennen. Der Supermarkt ist wie IKEA, Migros und H&M in einem. Dort finden die Einwohner Betten, Lebensmittel, Werkzeug und Kleidung. Manchmal findet vor dem grossen Supermarkt ein Flohmarkt statt, wo die Einwohner Fleisch, alte Kleider oder handgefertigte Sachen verkaufen. Es ist auch ein Treffpunkt um ein Pläuschchen zu halten. Am Hafen bringen einige Inuit immer wieder erlegte Tiere mit den Booten mit nach Hause, die sie und ihre Schlittenhunde zum Überleben brauchen. Einige Male im Jahr trifft dort auch das Versorgungsschiff Johanna Christina ein, das Lebensmittel und Nahrung nach Tasiilaq bringt.

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Im Hafen von Tasiilaq werden Container mit verschiedenen Gütern abgeladen.

Auf den Strassen, vor den Häusern und auf dem Spielplatz spielen die Kinder gemeinsam Fussball oder springen auf dem Trampolin. Die Kinder hier lernen früh den Umgang miteinander und sind viel draussen. Obwohl ich kein Grönländisch und die Einwohner wenn überhaupt nur gebrochenes Englisch sprechen, treffe ich immer wieder Inuit an, die mir Geschichten von sich und ihren Familien erzählen. Wir verständigen uns mit Händen und Füssen.

Am ersten Tag nach meiner Ankunft hier fand in der Kirche eine Konfirmation statt. Es war wunderschön zu sehen, wie die Menschen in ihren traditionellen Kleidern in die Kirche strömten. Einige trugen Robbenschuhe und Schmuck aus kleinen Glasperlen, wie es zur traditionellen Kleidung dazugehört, andere waren eher modern gekleidet. Der Gottesdienst wurde auf Grönländisch abgehalten. Für mich war es schön zu sehen, wie die Inuitfamilien zusammen kamen und das Fest genossen.

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An einem anderen Tag habe ich den Stunk Workshop besucht. Das ist eine Werkstatt, wo Einwohner aus Narwal-, Renntier- und Moschusochsenhörnern kleine Kunstwerke als Souvenir herstellen und verkaufen. Sie stellen Walflossen als Halsumhänger, Eisbären als Ohrringe, Robbenfiguren oder Tupilaks (Figuren aus der traditionellen Inuit Geschichte) her.

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Die grönländische Mythologie besagt, dass Tupilaks, wenn sie zum Leben erweckt werden, anderen Menschen Schaden zufügen oder diese sogar töten können.

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Stundenlang habe ich ihnen zugeschaut, wie sie diese feinen, kleinen Figuren herausarbeiten und war total beeindruckt. Für sie ist der Verkauf dieser Souvenirs überlebenswichtig. Die Hörner kaufen sie von anderen Inuit, die das Fleisch der Tiere zum Überleben brauchen. Denn oftmals müssen vom Fleisch der gefangenen Tiere auch die Schlittenhunde vorsorgt werden. Während ich ihnen gespannt zusah, streckte mir plötzlich einer der Arbeiter ein Stück Renntierhorn entgegen und sagte, ich solle doch selbst einmal versuchen etwas herzustellen. Etwas überrascht setzte ich mich auf seinen Stuhl und begann meinen Namen ins das Stück Horn zu schreiben. Ich hatte das noch nie zuvor gemacht, aber es hat mir viel Spass gemacht. Anfangs war es schwer, weil ich nicht wusste, wie fest ich das Werkzeug auf das Horn drücken muss. Gegen Ende ging es immer besser. Ich habe mich gefreut, mit den Inuit zusammen zu arbeiten und von ihnen einen Einblick in dieses Kunsthandwerk zu erhalten.

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In meinem nächsten Blogbeitrag werde ich erzählen, was ich über die Veränderungen und das Leben der Inuit hier herausgefunden habe und wie sie mit der neuen Lebenssituation umgehen.

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