Meine Reise ans Ende der Welt – Unterwegs mit einer Inuitfamilie

In diesem Blogbeitrag möchte ich euch von meiner Reise in eine faszinierende Welt am anderen Ende der Erde berichten und dazu einige Eindrücke und Geschichten aus Ostgrönland erzählen. Schon bevor die Reise startete, hat mich die Inuit Kultur interessiert. Es beeindruckte mich, wie sie schon seit vielen Generationen in diesem feindlichen Klima überleben können und wie sie mit und von der Natur leben. Weil ich mehr über diese Kultur lernen wollte und mich interessierte, wie die traditionellen Inuit heute neben der «modernen, westlichen» Welt bestehen können, beschloss ich, nach Ostgrönland zu reisen. Doch leider war nicht alles so erfreulich, wie ich es mir erhofft hatte.

Die Ankunft in Ostgrönland war beeindruckend, denn schon zum Flugzeugfenster hinaus konnte ich den «Kong-Oscars-Havn Fjord» erkennen. Es fühlte sich toll an, wieder im «ewigen Eis» zu sein, denn die Eisberge und das grossartige Panorama habe ich in der Schweiz oft vermisst. Die Siedlung Tasiilaq liegt direkt am Fjord und ist mit rund 1’800 Einwohnern der grösste Ort Ostgrönlands. Das «kleine Städtchen» ist umgeben von Bergen, aber im Gegensatz zur Schweiz findet man hier keine Bäume. Die Inuit leben entgegen der verbreiteten Vorstellung nicht in Iglus, sondern in bunten Holzhütten. Im Hafen liegen Fischerboote mit denen einige Fischer im Fjord auf Jagd gehen und nur wenig daneben liegen die Schlittenhunde an der Küste in der Sonne. Hier verbrachte ich die ersten Tage meiner Reise.

Bild 1Tasiilaq liegt am Kong-Oscars-Havn Fjord im Osten von Grönland

Bereits kurz nach meiner Ankunft in der Pension traf ich eine Inuit-Frau vor dem Haus an. Sie war betrunken und versuchte den Touristen und mir mit unverständlichen Worten etwas zu erzählen. Als sie jedoch merkte, dass wir sie nicht verstanden, machte sie sich auf den Heimweg. Anschliessend bezog ich mein Zimmer in der Pension und freute mich auf das gemeinsame Essen. Es wurde ein Risotto und zur Vorspeise ein Häppchen grönländischer Fisch serviert. Ich freute mich besonders, die regionalen Speisen aus Ostgrönland zu kosten.

Am nächsten Tag habe ich im nahegelegenen «Flower valley» eine Wanderung unternommen. Von Tasiilaq aus folgte ich einem Fluss, der mich ins Tal zu einem kristallklaren Gletschersee führte. An einer Stelle im Fluss hatte es kleine Fische, die immer wieder aus dem Wasser sprangen, um Insekten aus der Luft zu fangen. In regelmässigen Abständen begleitete mich auch ein Schwarm von Mosquitos durch das «Blumental». Doch schon nach kurzer Zeit entdeckte ich im Wasser einen herrenlosen Schuh und neben dem Wanderweg einen Müllsack, Alu-Dosen, Pet-Flaschen und andere Siedlungsabfälle. Ich war erstaunt, dass in diesem schönen Tal so viel Müll herumliegt und fragte mich, wer sich die Mühe gemacht hat, diesen hierherzubringen. Dieser Frage wollte ich später nachgehen. Den Rest der Wanderung um den See habe ich sehr genossen. Immer wieder habe ich kleine Flüsse durchquert und dabei eine eindrückliche Natur gesehen.

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Am Abend strahlte der Horizont über Tasiilaq in glühenden Farben, weshalb ich mich entschloss, einen Spaziergang an der Küste zu unternehmen. Die Eisberge im Fjord leuchteten in der warmen Abendsonne und ausser dem Meerrauschen vernahm ich nur gelegentlich das Bellen und Jammern der Schlittenhunde. Als ich mich dem Rudel näherte entdeckte ich drei süsse Welpen die zusammen umhertollten. Auch eine Touristengruppe, die in der Nähe ihre Zelte aufgeschlagen hatte, schien auf die Welpen aufmerksam geworden zu sein.

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Als immer mehr Touristen hinzukamen machte ich mich auf den Weg zu einer Stelle weiter unten an der Küste, von der ich gehört hatte, dass dort die Überreste einer alten Inuithütte zu sehen sind. Bevor die Inuit ihre Häuser mit modernen Heizungen wärmen konnten, lebten die Familien in kleinen, engen Hütten zusammen, die zur Hälfte in den Erdboden gebaut waren. So konnten sie die Wärme der Erde nutzen und den kleinen Raum zugleich mit ihrer eigenen Körperwärme in den kalten Wintermonaten wärmen. Zu meiner Enttäuschung war ausser den mit Moos und Gras überwachsenen, kniehohen Grundmauern nichts weiter zu sehen.

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Auf der gegenüberliegenden Bergseite war die ganze Bergkuppe zugemüllt und führte hinten direkt ins Meer! So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Dies musste wohl der Müllsammelplatz von Tasiilaq sein. Mir schossen tausend Fragen durch den Kopf und ich konnte nicht verstehen, warum dieser Müll nicht wie in der Schweiz entsorgt werden kann. Diese Frage wollte ich in den kommenden Tagen unbedingt beantworten.

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Am nächsten Tag traf ich auf der Terrasse der Pension eine Mitarbeiterin. Wir unterhielten uns und schnell fiel das Gesprächsthema auf den Müll, den ich hier die letzten Tage entdeckt hatte. Sie erklärte mir, dass jedes Jahr ein heftiger Sturm über Tasiilaq hinwegzieht, der sogenannte Piteraq. Dieser über 200 km/h schnelle Sturm reisst alles mit sich, was nicht Niet und Nagelfest ist. Weil der Fjord in dieser Jahreszeit aber noch zugefroren ist, kann der Müll im Winter nicht per Schiff abtransportiert werden. Nach dem Sturm sei hier noch viel mehr Müll herumgelegen und vieles davon sei schon weggeräumt worden, erzählt sie mir weiter. Viele Touristen kommen nur für 3 oder 4 Tage nach Tasiilaq und sind entsetzt über den Müll der hier herumliegt. Doch nur die wenigsten wissen überhaupt, warum es hier so aussieht. Um mir die Stärke dieses Sturmes vor Augen zu führen, erzählte sie mir eine Geschichte, die sich diesen Winter ereignet hat: Die Bewohner hätten nach dem Sturm ein Boot im Hafen vermissten und suchten lange danach. Erst später fanden sie es weit oben auf dem Berg wieder. Der Sturm war so stark, dass er das Boot dorthin geweht hat. Als ich diese Geschichte hörte, war ich erstaunt über diese heftigen Naturgewalten, die hier vor kurzem über das Land hinwegzogen sind und zugleich beeindruckt, wie die Inuit solche Naturereignisse überstehen. Ich habe auch erfahren, dass 2-3 Mal pro Jahr ein Schiff kommen sollte, um den Müll aus Tasiilaq abzuholen. Doch ich fragte mich, wie oft dieses Schiff tatsächlich kommt und wie der Müll, der über die ganze Bergkuppe verstreut lag, abtransportiert werden soll. Auch fand ich es fragwürdig, ob der ganze Abfall überhaupt mit 2 oder 3 Schifffahrten bewältigt werden kann.

An einem anderen Tag wollte ich im Supermarkt einige Einkäufe erledigen. Draussen vor dem Supermarkt fand gerade ein Markt statt und viele Bewohner verkauften handgemachte Accessoires, Kleider oder Fleisch. Der Markt schien allerdings nicht nur ein Handelsplatz zu sein, sondern viel mehr ein wichtiger sozialer Treffpunkt für die Dorfbewohner. Viele ältere Inuit fanden sich hier ein und hielten ein Pläuschchen miteinander. Auch die Kinder spielten zusammen und rannten über den Dorfplatz. Es herrschte ein reges Treiben, wie ich es die Tage zuvor noch nie gesehen hatte. Als ich den Laden betrat bemerkte ich eine ungewohnt lange Schlange an der Kasse. Viele Inuit standen mit einer Menge Alkohol und Junkfood in den Händen an der Kasse und warteten geduldig, bis sie bezahlen konnten. So viele Leute hatte ich bisher noch nie im Supermarkt angetroffen. Ich entschied, meine Einkäufe an einem anderen Tag zu erledigen. Zurück in der Unterkunft habe ich erfahren, dass an diesem Tag Zahltag war und die Inuit ihren Lohn respektive ihre Sozialhilfe erhalten haben. Bereits vor meiner Reise habe ich gelesen, dass dies ein übliches Bild an einem Zahltag ist und die Supermärkte an diesen Tagen typischerweise überrannt werden.

Weil mir in der Herberge der Kontakt und der Austausch mit den Inuit fehlte und mich immer mehr interessierte, wie sie ihren Alltag gestalten, beschloss ich, in eine kleinere Siedlung zu reisen und bei einer Inuitfamilie unterzukommen. Ich wusste, dass der Leiter der Pension auch Aufenthalte bei Inuit vermittelt und sprach deshalb mit ihm über meinen Wunsch. Schon wenige Tage später wurde ich von einem Einwohner mit dem Boot in die Siedlung Sermiligaaq gefahren, die wenige Bootsstunden von Tasiilaq entfernt liegt. Anfänglich schaukelte das Boot sehr stark, weil wir über das offene Meer fahren mussten und der Wind blies mir die kalte Polarluft ins Gesicht. Umso mehr genoss ich anschliessend den zweiten Teil der Fahrt, der durch die kilometerlangen Fjorde führte. Auf den Seiten ragten hohe Berge aus dem Wasser und der Himmel zeigte sich von seiner schönsten Seite. Im Wasser trieben immer wieder Eisberge an uns vorbei, manche so klein wie ein Kühlschrank, andere grösser als ein Einfamilienhaus. Besonders fasziniert war ich vom Farbenspiel im Fjord. Manche Eisberge waren mit dunklem Schutt bedeckt, andere leuchteten in einem wunderschönen klaren Blauton und wieder andere waren fast durchsichtig. Manchmal fuhr der Bootsführer ganz nahe an den Eisbergen vorbei, sodass ich einige tolle Fotos schiessen konnte.

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Als sich das Boot der Siedlung näherte, erkannte ich schon die bunten Häuser und den kleinen Hafen von Sermiligaaq. Der Ausstieg geschaltete sich allerdings schwerer als ich dachte, denn die Steine, die vom Boot an Land führten, waren mit rutschigen Grünalgen überzogen. Es war ein ungewohntes Gefühl, «alleine» am anderen Ende der Welt zu sein, in einem Dorf, indem wenn überhaupt nur der Englischlehrer gebrochenes Englisch sprach. Dennoch freute ich mich auf dieses Abenteuer, weil ich erleben wollte, wie die Menschen hier abseits von den grossen Städten und Touristengruppen leben.

In Sermiligaaq leben nur ca. 80 Einwohner und die Häuser sind über eine kleine Bergkuppe verteilt. Weil einige Wohnungen auf den Hügeln nur schwer erreichbar sind, führten schmale, steile Treppen ins Dorfzentrum hinunter. Der Leiter der Pension hatte mir zuvor auf einem Blatt Papier die ungefähre Lage des Hauses meiner Gastfamilie gezeichnet. Ausserdem hat er mir gesagt, dass das Haus rot sei und ich bei Emanuel, Charlotte und ihren beiden Kindern unterkommen werde. Mit dieser Skizze in der Hand machte ich mich auf die Suche nach dem Haus der Familie, doch rote Häuser konnte ich einige entdecken. Mit meiner Reisetasche auf dem Rücken lief ich den ersten Hügel hinauf, von dem ich dachte, dass er demjenigen auf meinem Papier entspricht. Im ersten roten Haus fragte ich nach Charlotte und Emanuel, doch weil die Bewohner kein Englisch sprachen, verstanden sie mich anfänglich nicht. Erst nachdem ich die Namen nochmals wiederholt hatte, zeigt die Frau auf ein rotes Haus auf dem gegenüberliegenden Hügel. Offenbar war ich auf die falsche Erhöhung gelaufen. Also lief ich den steilen Hang wieder hinunter und klopfte beim besagten roten Haus an der Tür. Eine kleine, fröhliche Frau öffnete und stellte sich als Charlotte vor. Ich freute mich, dass ich das richtige Haus gefunden hatte und Charlotte zeigte mir sogleich mein Zimmer. Die Wohnung war gemütlich eingerichtet. Neben dem Bad und einem Stauraum gab es einen grossen Wohnraum mit Küche und Esstisch. Neben dem Sofa stand sogar ein Fernseher auf dem gerade ein dänisches TV-Programm mit grönländischen Untertiteln zu sehen war.

Bild 9Das Haus meiner Gastfamilie in Sermiligaaq

Schon kurz nach meiner Ankunft kam Charlotte zu mir und wollte mich etwas Fragen. Da ich kein Ostgrönländisch sprach und sie kein Englisch verstand, versuchte sie mir mit ihren Händen zu beschreiben, dass sie gleich mit dem Boot auf die Jagd fahren werden und ich gerne mitkommen dürfe. Diese Einladung kam für mich sehr überraschend, denn ich hätte nicht gedacht, dass ich die Familie auf die Jagd begleiten darf. Meine Vorfreude war deshalb umso grösser und ich machte mich sogleich bereit für die Abfahrt.

Mit dem Boot der Familie fuhren wir durch die Fjorde und sie hielten Ausschau nach Robben. Immer wieder tauchte eine kurz auf und verschwand wieder. Emanuel, der schon sein Leben lang Jäger ist, wartete geduldig mit seinem Gewehr. Plötzlich hörte ich einen lauten Knall und Charlotte fuhr das Boot schnell zu der getroffenen Robbe hin, damit diese nicht im Wasser versank. Ich war sehr beeindruckt, dass Emanuel aus dieser grossen Distanz und beim Schaukeln auf dem Boot das Tier mit nur einem Schuss gezielt getötet hat. Als ich der toten Robbe ins Gesicht sah, hatte ich einerseits Mitleid mit diesem süssen Tier, andererseits war mir bewusst, dass die Familie dieses Fleisch zum Überleben braucht. An einer Leine festgebunden fuhren wir die Robbe zur nächsten Eisscholle, wo Emanuel und Charlotte sie ausnahmen. Das Fleisch verteilten sie in Säcke, mit denen Emanuel später die Schlittenhunde fütterte. Einen kleinen Teil davon assen wir später beim Nachtessen.

Bild 10Robben sind für die Inuit das wohl wichtigste Nahrungsmittel. Weil sie keine Früchte und Gemüse anbauen können, sind sie auf das erjagte Fleisch angewiesen. Davon müssen sie auch ihre Hunde ernähren, die sie im Winter für die Jagd brauchen.

Die Robbenjagd war ein sehr spannendes, aber auch emotionales Erlebnis für mich. Auf der einen Seite liebe ich Tiere, auf der anderen Seite hatte die Robbe bis kurz vor ihrem Tod ein wunderschönes Leben in der freien Natur gelebt und war nie eingesperrt. Für mich war es ein aufregender Tag, an dem ich einen einzigartigen Einblick in das Leben der Inuit erhalten habe.

Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Boot in eine kleine, nördlich gelegene Bucht, die nur knietief mit Wasser überflutet war. Dort warf Emanuel die Fischernetze aus, an denen er zuvor leere Pet-Flaschen befestigt hatte, um die Netze wiederzufinden. Schon nach wenigen Stunden nahm er die Netze wieder ein und hatte in der Zwischenzeit eine beträchtliche Menge Fisch gefangen. Mit einem festen Schlag auf den Kopf tötete er die Fische und ich legte sie alle zusammen in einen Sack. Nach diesem erfolgreichen Fang fuhren wir ans nahegelegene Ufer, wo Charlotte die Fische ausnahm, in mundgerechte Stücke schnitt und anschliessend in einem Kochtopf über einer Gasflasche kochte. Der Fisch schmeckte richtig lecker und mit dem wunderschönen Ausblick auf die eisige Polarwelt gleich noch besser. Nach dem Essen legten wir uns schon bald im mitgebrachten Zelt schlafen.

Bild 11Charlotte (rechts) und Emanuel (Mitte) nahmen mich mit zum Fischen. Als wir unser Nachtlager aufschlugen trafen wir zwei andere Inuit an, die hier ebenfalls zelteten (einer davon links im Bild).

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Am nächsten Morgen fuhren wir wieder zurück in die Siedlung. Unterwegs sah ich von weitem wie ein riesiger Eisberg auseinanderbrach und sich heftig zu drehen begann. Der Eisberg war schätzungsweise 100 Meter lang und verursachte grosse Wellen, die wir wenig später auf dem Boot spürten. Obwohl es hier so kalt ist, ist diese Welt voller Leben.

Zurück in der Siedlung half uns ein Bewohner den schweren Sack voller Fisch mit der Schubkarre auf den Hügel hinauf ins Haus meiner Gastfamilie zu transportieren. Als Dank gaben ihm Charlotte und Emanuel einige Fische mit nach Hause. Ausserdem verteilte ihre Tochter Ebba noch einige Fische an andere Bewohner im Dorf. Ich war gerührt, dass sich die Einwohner unter einander so sehr um einander sorgen. Obwohl die Menschen hier nicht viel besitzen, teilen sie ihren Fang mit ihren Mitmenschen. Dies ist sicherlich auch wichtig, weil in einer solch kleinen Siedlung jeder auf jeden angewiesen ist und sie als Gemeinschaft überleben müssen. Ausserdem leben in der Siedlung auch alte Inuit, die ihr Essen nicht mehr selber jagen können und von der Gemeinschaft versorgt werden müssen. Denn ein Altersheim gibt es in Sermiligaaq nicht. Zurück in der Wohnung haben wir gemeinsam mit einigen Freunden gegessen.

Als ich am Abend einen Spaziergang unternahm, um die Siedlung zu erkunden, begleitete ich Ebba, die Tochter der Familie, zu einem kleinen See, der sich auf einem nahegelegenen Berg befand. Dort badeten die Kinder der Siedlung gerne im kalten Wasser und hatten grossen Spass zusammen. Weil ich schon beim Zuschauen kalt bekam genoss ich währenddessen die beeindruckende Aussicht auf den Fjord.

Bild 13Ausblick auf den Sermiligaaq-Fjord

Nach dem schönen Abend am See wollte ich die Siedlung noch etwas genauer erkunden. Ich folgte einem Weg in den hinteren Teil des Dorfes, wo mich ein grosser Schock erwartete. Wie schon in Tasiilaq traf ich auch hier auf einen grossen Müllhaufen auf dem nicht nur Plastik und Alu-Dosen sondern auch Altmetalle, vergammeltes Fleisch, ein alter Sessel und ein Klavier herumlag. Auch hier scheint es grosse Probleme zu geben, den hierhergebrachten Abfall wieder abzutransportieren und zu entsorgen. Mich liess die Frage nicht los, warum der Müll hier ein solch grosses Problem ist und warum man ihn nicht wenigstens in einem Container aufbewahren konnte. Mit diesen Gedanken und Bildern im Kopf legte ich mich zurück in der Wohnung in mein Bett und versuchte zu schlafen.

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Am nächsten Tag stand meine Abreise bevor. Vor dem Supermarkt wartete ich bis Emanuel und Charlotte ihre Einkäufe erledigt hatten. Dabei setzte sich ein angetrunkener Inuit neben mich und begann sich mit den Kindern zu unterhalten. Ich war etwas bedrückt von der Tatsache, dass der Alkohol offenbar auch hier, in dieser abgelegenen Siedlung ein Problem ist. Ich glaube, dass einige Inuit, weil sie immer weniger Jagen können und kaum Arbeit finden, in dieser Hoffnungslosigkeit versinken und versuchen ihre Probleme im Alkohol zu ertrinken. Auf meiner Reise habe ich auch oft gehört, dass sich besonders viele junge Inuit sogar versuchen das Leben zu nehmen. Die Regierung sagt, dass jede fünfte Person in Grönland schon einmal versucht hat sich umzubringen. Andere Studien gehen sogar von jedem vierten Einwohner aus. Besonders schockierend ist, dass die meisten Opfer zwischen 15 und 19 Jahre alt sind.

Meine Erlebnisse in Ostgrönland waren eindrücklicher als ich es je erwartet hätte und es fällt mir schwer, alle meine Eindrücke mit treffenden Worte zu beschreiben, denn manchmal war ich einfach sprachlos. Am eindrücklichsten war für mich die Zeit mit der Inuitfamilie in Sermiligaaq. Ich habe viel über ihre Kultur und mich gelernt. Auf der einen Seite war es beeindruckend zu sehen wie die Inuit in der Natur überleben und ihren Lebensmittel selbst fangen oder jagen. Auf der anderen Seite hat mit die Zwischenmenschlichkeit und das Zusammenleben der Bewohner in dieser kleinen Siedlung beeindruckt. Ich habe gelernt, dass nicht viele Dinge nötig sind um glücklich zu sein und dennoch liegen Freude und Trauer auch in Ostgrönland nahe beieinander.

Ich wünsche mir, dass diese spannende Kultur ihre Traditionen beibehalten kann und einen Weg findet, ihre Kultur mit dem wachsenden «westlichen» Einfluss zu verbinden. Es wäre schade, wenn das über viele Generationen gesammelte Wissen verloren ginge. Zudem hoffe ich, dass auch für das Müllproblem eine Lösung gefunden werden kann. Wenn es in anderen arktischen Regionen machbar ist, sollte es doch auch in Ostgrönland möglich sein. Ich will gerne eines Tages zu den Inuit zurückkehren und bin schon jetzt gespannt, wie sich Ostgrönland in den nächsten Jahren entwickeln wird.

 

Hier noch einige Impressionen meiner Reise, die im Blog leider keinen Platz hatten:
Impression 1
Impression 2
Impression 3
Impression 4
Impression 5
Impression 6
Impression 7

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