Schiffsalltag auf der MV San Gottardo

In diesen Tagen leben und arbeiten hier 12 Personen auf dem Schiff, darunter wir fünf Teilnehmer, vier Journalisten und die Schiffscrew. Das Zusammenleben auf engstem Raum lässt uns nicht nur zu einem guten und eingespielten Team zusammenwachsen, ich habe hier auch neue Freunde gefunden.

In der Arktis bestimmt das Wetter unseren Alltag, denn nur bei gutem und stabilem Wetter können wir anlanden. Das war anfangs etwas gewöhnungsbedürftig für mich, denn wenn ich diese beeindruckende Natur sehe, verspüre ich einen grossen Drang, mit dem Schlauchboot an Land zu fahren und die unbekannte Region zu erkunden. Zudem freue ich mich sehr darauf, mehr über den Klimawandel und dessen Folgen herauszufinden, mit Forschern und Einheimischen zu sprechen und eigene kleine Messproben zu nehmen. Weil es hier 24 Stunden hell ist habe ich mein Zeitgefühl schon nach wenigen Tagen verloren und unser Tagesablauf ist oftmals mehrere Stunden verschoben, weil wir auch spät am Abend noch anlanden oder etwas unternehmen können. In der Regel, sofern man hier überhaupt von einer Regel sprechen kann, stehen wir zwischen 9 und 10 Uhr auf, weil wir erst früh am Morgen, meist gegen 2 oder 3 Uhr, ins Bett gehen. Zum Frühstück gibt es ein sehr leckeres, selbstgebackenes Brot nach einem schiffseigegen Rezept, Kaffee, Tee, Orangensaft und Cornflakes. Weil wir den Generator 3 Mal am Tag während 2-3 Stunden laufen lassen müssten, um den Geschirrspüler zu bedienen, waschen wir das Geschirr von Hand ab. Bei 12 Personen dauert das immer eine Weile. Ich musste mich erst daran gewöhnen, dass das Zusammenleben mit so vielen Personen etwas langsamer abläuft als ich es mir gewohnt bin. Nach dem Morgenessen haben wir mit unserem Kapitän Charles zusammen ein kurzes Breefing, wo wir den heutigen Tag besprechen und die Wettervorhersagen studieren. Anschliessend schreibe ich meine Posts und Blogeinträge oder schreibe Texte für Medien wie zum Beispiel für den Zürcher Oberländer. Ein bis zwei Mal pro Woche sende ich auch eine Sprachnachricht an das Radio Zürisee, die regelmässig über das Projekt berichten. Es ist etwas ungewohnt für mich, Post und Beiträge in die Schweiz zu senden und wenn überhaupt erst viele Tage später zu erfahren, wie die Menschen auf die Texte und Bilder regiert haben und welche Fragen aufgetaucht sind.

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Manchmal, wenn wir gerade in Longyearbyen sind oder Handyempfang haben, habe ich die Möglichkeit, ein Interview per Telefon oder Skype zu geben. Weil wir auf dem Schiff stark von der Aussenwelt abgeschottet sind, erhalte ich auch nur spärlich Informationen und News aus der Schweiz. So habe ich beispielweise erst während einem Interview erfahren, dass derzeit gerade eine grosse Hitzewelle in Nordeuropa herrscht. Hier in Spitzbergen ist es derzeit ca. 5 – 10°C, was ich als sehr angenehm empfinde. Ob das überdurchschnittlich warm ist und ob wir diese Hitzewelle auch spüren kann ich leider nicht beurteilen.

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Je nach dem wo wir uns gerade befinden ist die Datenübertragung nur limitiert möglich. Wenn wir auf See sind und kein Internetzugang haben, müssen wir die Daten per Satellitentelefon übertragen. Weil ein Gigabyte Datenübertragung per Satellit 14’000 CHF kostet, müssen wir unsere Daten und Bilder zur Übertragung sorgfältig auswählen. Das fällt nicht immer ganz leicht, besonders an einem Tag, an dem wir wunderschöne Bilder schiessen konnten. Leider bleibt nicht jeden Tag genügend Zeit, um Posts und Blogeinträge in die Schweiz zu senden, denn bei gutem Wetter können wir mit dem Schlauchboot an Land und kommen meist erst am frühen Abend zurück. Die Fahrt mit dem Schlauchboot macht mir besonders viel Spass, weil ich den Wind und das Wasser noch näher spüre. Heute allerdings war der Wind mit 5 Bft. zu stark für eine Anlandung.

Am Nachmittag bereiten Doris und Sabine, die hier auf dem Schiff für unsere Sicherheit und das Essen verantwortlich sind, das Mittagessen zu. Das Essen hier auf dem Schiff ist erstaunlich lecker und beim gemeinsamen Essen entstehen immer wieder interessante Gespräche.

Gestern Nachmittag erhielten wir kurz nach dem Mittagessen überraschenderweise Besuch von zwei Mitarbeitern vom Sysselmann, das ist der Gouverneur hier in Spitzbergen. Sie wollten wissen, ob bei uns alles in Ordnung ist und haben uns erzählt, dass in dieser Bucht vor 4 Tagen zwei Eisbären gesichtet wurden. Leider konnten wir diese vom Schiff aus nicht mehr entdecken. Vermutlich sind sie schon weitergezogen. Es war ein merkwürdiges Gefühl, mitten in einer Bucht weit weg von der Zivilisation, von Beamten angesprochen zu werden. Nach einer Viertel Stunde sind sie mit ihrem Schlauchboot wieder weitergefahren.

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Das Zusammenleben an Bord mit so vielen Menschen bringt einige Einschränkungen mit sich. Wir haben an Bord einen grossen Wassertank, doch wenn das Schiff nicht im Hafen ist können wir diesen nur mit dem Wassermacher, der das Meerwasser zu Frischwasser aufbereitet, auffüllen. Dafür müssen wir den Generator mehrere Stunden laufen lassen und wenn das Wasser zu schmutzig ist oder zu kalt ist, ist die Wasseraufbereitung nicht möglich. Wenn wir auf See sind können wir deshalb nicht immer Duschen und wenn, dann nur sehr kurz und sparsam. Das Leben hier auf dem Schiff macht mir bewusst, wie sparsam wir mit unseren Ressourcen umgehen können, wenn wir sie nicht im Überfluss haben.

Am Abend spielen wir gerne gemeinsam Gesellschaftsspiele, erkunden die Städtchen oder Siedlungen, wenn wir in einem Hafen liegen, schauen uns gemeinsam einen Film an oder hören Musik und Plaudern miteinander. Mir ist wichtig, dass es neben der Arbeit auf dem Schiff auch Zeit für unser Sozialleben gibt, besonders wenn so viele Menschen auf so engem Raum zusammenleben. Bisher hat es zu meinem Erstaunen noch keine grösseren Auseinandersetzungen gegeben. Ich musste mich allerdings erst daran gewöhnen, dass ich hier 24 Stunden von Journalisten umgeben bin und deshalb nur sehr selten in einen «Freizeit Modus» schalten kann. Manchmal gebe ich kurz vor Mitternacht noch Interviews für das 10vor10. Wenn ich mich dennoch zurückziehen möchte, finde ich in meiner Koje einen Rückzugsort, denn das ist unser Privatbereich, wo die Journalisten nicht filmen dürfen.

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Wenn wir am Morgen früh ins Bett gehen, schlafen wir Teilnehmer in einem 4er Schlag vorne im Schiff, wobei jede Nacht zwei andere Teilnehmer auf der Couch im Salon schlafen und abwechslungsweise die Ankerwache übernehmen. Die Crew und die Journalisten teilen sich die 2er Zimmer an Bord. Mit den 3 Badezimmern auf dem Schiff kommen wir gut zurecht und auch am Morgen findet jeder seinen Platz und sein Zeitfenster, um sich frisch zu machen. Manchmal arbeite ich auch bis spät in die Nacht an Berichten oder Texten für die Schweiz, wie ich es jetzt gerade mache. Ich sitze nämlich gerade im Steuerhaus und halte die Ankerwache, während ich diese Zeilen schreibe. Es ist jetzt 3:15 Uhr und ich werde nun Jasmin wecken gehen, die auf der Couch schläft und den zweiten Teil der Ankerwache übernehmen wird. Gute Nacht!